Energiemärkte in Turbulenzen – Coronavirus (SARS-CoV-2) und Öl-Preiskampf verursachen starken Preisverfall an den Strom- und Brennstoffbörsen
  • Stromlast und kurzfristige Strompreise an der EPEX mit moderaten Verringerungen
  • Preisverfall bei zukünftigen Strom-, Öl- und Gaspreisen sowie CO2-Zertifikatskosten
  • 1 MWh Strom kostet im April im Mittel nur 18,40 €
  • 1 MWh Gas kostet im April im Mittel nur 8,00 €
  • Eine effiziente GuD-Anlage hat aktuell Grenzkosten von 18,60 €/MWh

Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben Spuren auch an den Energiemärkten hinterlassen. Während das Coronavirus (SARS-CoV-2) das öffentliche Leben in Europa weitestgehend stillgelegt hat, sind auch auf den Energiemärkten flächendeckend spürbare Turbulenzen aufgetreten. Verstärkt wurden die Effekte des Virus noch durch einen Ölpreiskampf zwischen Russland und Saudi-Arabien, der den Ölpreis bereits zuvor abstürzen ließ. Zu beobachten sind kurzfristige und mittelfristige Auswirkungen auf den Märkten für Öl, Gas, CO2–Zertifikate und Strom, die sich auch gegenseitig stark beeinflussen. In diesem Kurzbeitrag sollen daher die Rückwirkungen durch Corona und den Ölpreisverfall auf die Märkte herausgestellt und Zusammenhänge von Brennstoffpreisen, CO2–Preisen und Strompreisen interpretiert werden.

 

Kurzfristige Effekte - Stromlast sinkt verschieden stark, Preise ziehen leicht nach

Durch die Stilllegung vieler Gewerbe- und Industriebetriebe kam es in den europäischen Ländern kurzfristig zu einem sinkenden Stromverbrauch, wodurch auch Preise an den Börsen leicht absanken. In Abbildung 1 sind die Abweichung des mittleren, täglichen Stromverbrauchs vom Stromlastmittel seit dem 01.02.2020 und die mittleren, täglichen Strompreise im Day-Ahead-Handel in den Ländern Deutschland, Frankreich, Österreich und Schweiz aufgetragen.

In den Wochen bis zum 15.03. weist der Stromverbrauch noch in allen untersuchten Ländern einen systematischen Verlauf auf, mit einer geringeren Stromlast am Wochenende und einem erhöhten Verbrauch an den Arbeitstagen. Die Schwankungen resultieren vor allem aus den täglichen Temperaturunterschieden, insbesondere in Frankreich, wo überwiegend elektrisch geheizt wird. Mit zunehmenden Maßnahmen der Regierungen zu Ausgangsbeschränkungen, gewerblichen Schließungen und zeitweisen Stilllegungen der Industriebetriebe kam es in der darauffolgenden Woche zu einem Rückgang der Stromlast. Zu beachten ist hier allerdings das der Einbruch der Stromlast in Frankreich auch auf etwas höhere Temperaturen zurückzuführen ist. Insgesamt kann in allen betrachteten Ländern von einem moderaten Rückgang der Stromlast gesprochen werden. Viele Industrien, wie beispielsweise die Grundstoffindustrie, produzieren in gleichem Maße weiter und die Verlagerung des Arbeitsplatzes ins HomeOffice bedeutet oft nur eine örtliche Verschiebung des Strombedarfs.

Auch bei den mittleren, täglichen Day-Ahead-Strompreisen an der Börse EPEX Spot ist zunächst eine systematische Charakteristik mit günstigeren Preisen am Wochenende erkennbar. Überlagert wird dies allerdings, insbesondere in Deutschland, durch die volatilen Einspeisungen erneuerbarer Energien, wodurch die Preise auch einen weitaus schwankenderen Verlauf annehmen. Auffällig ist ein allgemein sehr niedriges Strompreisniveau im betrachteten Zeitraum von knapp 23 €/MWh in Deutschland, 26 €/MWh in Frankreich, 27 €/MWh in Österreich und knapp 31 €/MWh in der Schweiz. Der mittlere Strompreis der letzten zwei Wochen lag zwischen 20 und 23 €/MWh, was auf einen zumindest moderaten Einfluss des gesunkenen Lastniveaus schließen lässt.

 

kurzfristig

Abbildung 1: Mittlere, tägliche Strompreise im Day-Ahead-Handel und Abweichung des mittleren, täglichen Stromverbrauchs vom Stromlastmittel seit dem 01.02.2020 in den Ländern Deutschland, Frankreich, Österreich und Schweiz nach [1] und [2]

 

Mittelfristige Effekte – Stark sinkende Strom-, Brennstoff- und CO2-Preise

Die mittelfristigen und längerfristigen Auswirkungen auf den Energiemärkten sind noch wesentlich größer im Vergleich zu den kurzfristigen Auswirkungen auf Stromlast und Day-Ahead-Preise. Abbildung 2 stellt hierzu die mittelfristigen (April/Mai 2020) und längerfristigen (2021) Auswirkungen auf die Öl-, Gas-, Strom- und CO2-Zeritifikatspreise dar. Der Preisverfall insbesondere im mittelfristigen Bereich ist hierbei bei allen betrachteten Größen äußert hoch.

langfristige preise

Abbildung 2: Veränderung der mittelfristigen und längerfristigen Preise für Öl, Gas, Strom und CO2-Zertifikate seit dem 01.02.2020 nach [3],[4],[5] und [6]

 

Ölpreise

In der Abbildung in Gelb dargestellt ist das Brent Crude Future (Preis-Benchmarker für Rohöl) für die Monate Mai 2020 und Dezember 2021. Während am 19. bzw. 20. Februar die Preise noch bei knapp 60 $/bbl lagen kam es durch den Ölpreiskampf zwischen Russland und Saudi-Arabien in den darauffolgenden Wochen zu einem starken Preissturz. In Folge der durch das Coronavirus abnehmenden, weltweiten Ölnachfrage und der Weigerung Russlands die Fördermenge zu mindern, reagierte Saudi-Arabien mit Preissenkung und Ausweitung der Förderung, wodurch eine Spirale des Unterbietens und damit einhergehend der Ölpreisverfall entstand. Insbesondere das mittelfristige Future-Produkt für den Mai 2020 legte einen rasanten Absturz um über die Hälfte des ursprünglichen Preises auf nur noch 25 $/bbl hin. Aber auch das längerfristige Produkt für den Dezember 2021 sank um knapp 31 % auf knapp 29 $/bbl ab.

Gaspreise

Obwohl die Ölpreisindexierung in der Vergangenheit abgenommen hat, ist nach wie vor eine Kopplung der Gaspreise an die Ölpreise vorhanden [7]. Effekte, die den Gaspreis drücken, sind somit die stark gefallenen Ölpreise, das hohe derzeitige Angebot an Gas (u.a. aufgrund des milden Winters) und die in Folge der Corona-Krise schwächelnde Weltwirtschaft. Der mittelfristige, sehr günstige Gaspreis für den April 2020 im deutschen Marktgebiet NCG fiel folglich in den vergangenen sieben Wochen nochmals von gut 10 €/MWh auf derzeit 8 €/MWh. Auch der längerfristige Gaspreis für das Jahr 2021 musste einen Verlust um über 20 % auf gut 12 €/MWh hinnehmen.

EU CO2-Zertifikatspreise

Auch die in blau dargestellten CO2-Zertifikatspreise sanken in den letzten Wochen sehr stark ab. Die Entwicklung der CO2-Zertifikatspreise wird durch Angebot und Nachfrage von CO2-Zertifikaten bestimmt. Da in Folge des Coronavirus kurzfristig Industrien zurückgefahren wurden und mittelfristig die europäische Wirtschaft vor einer Rezession steht, nahm die Nachfrage an Zertifikaten stark ab. Weiterhin stießen viele Industrieunternehmen und Kraftwerke zur Absicherung gekaufte Zertifikate ab, da sie selber weniger Zertifikate benötigen und sie so liquide bleiben konnten. Dadurch stieg auf der anderen Seite das Angebot an Zertifikaten stark an. Insgesamt führte dies zu einem Preisverfall der längerfristigen CO2-Zertifikatspreise um knapp 40 % von 25,90 €/t CO2 auf 15,70 €/t CO2. Die mittelfristigen CO2-Zertifikatspreise für das Jahr 2020 haben dabei einen stark gekoppelten, sehr ähnlichen Verlauf, da die Zertifikate der aktuellen Handelsperiode in die nächste Handelsperiode übertragbar sind [8].

Strompreise

Die zuvor diskutierten Brennstoffpreise und CO2-Zertifikatspreise bestimmen die Grenzkosten der Kraftwerke und wirken sich somit stark auf den Strompreis aus. Auch Preise für Steinkohle sanken in den letzten Wochen ab, allerdings weniger stark als der Öl- und der Gaspreis. Folglich sank der mittlere, gehandelte deutsche Strompreis für den April 2020 um knapp 44 % auf das sehr niedrige Niveau von 18,40 €/MWh. Auch der mittlere Preis für das Jahr 2021 sank um knapp 10 €/MWh auf 34 €/MWh ab. Wie in den kurzfristigen Effekten dargestellt, ist der Strombedarf in Deutschland und den deutschen Nachbarländern gesunken, was somit auch einen Einfluss auf das mittelfristige Stromprodukt für den April 2020 haben dürfte. Die dominierenden Faktoren sind aber die gesunken Brennstoff- und CO2-Zertifikatspreise. Eine GuD-Anlage mit 60 % Wirkungsgrad und spez. Emissionen von 0,2 kg/kWh könnte nach folgender vereinfachten Rechnung beispielsweise für sehr günstige Grenzkosten von 18,60 €/MWh produzieren:

 

Formel

 

Die Energiemärkte sind ebenso wie nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft in den letzten Wochen in starke Turbulenzen geraten. Der Umgang mit dem Coronavirus in den nächsten Wochen und Monaten wird entscheidenden Einfluss darauf haben, wie schnell sich die Preise an den Energiemärkten wieder erholen können. Für Letztverbraucher haben die Preisabstürze zunächst geringe Auswirkungen, da die Energieversorger zur Erfüllung der Lieferverpflichtungen sich bereits in der Vergangenheit zu den höheren Preisen eingedeckt haben. Langfristig sollten die jetzt günstigen Strom- und Brennstoffpreise auch an die Letztverbraucher weitergeben werden.

 

Referenzen:

 [1]  “Market data - Day-Ahead Auction", https://www.epexspot.com/en/market-data/dayaheadauction, Paris: EPEX SPOT
[2]  “ENTSO-E Transparency Platform", https://transparency.entsoe.eu/, Brüssel: entso-e
[3]  “Market Data – EEX - power", https://www.eex.com/en/market-data/power, Leipzig: EEX
 [4]  “Market Data – EEX – natural gas", https://www.eex.com/en/market-data/natural-gas, Leipzig: EEX
[5]  “Brent Crude Futures", https://www.theice.com/products/219/Brent-Crude-Futures/, Atlanta: ICE
[6]  “Market Data – EEX – environmental markets", https://www.eex.com/en/market-data/environmental-markets, Leipzig: EEX
[7] Günther, M., (2016). Einsatz eines Gasmarktmodells zur Bewertung von Risiken. In: Mayr, H. C. & Pinzger, M. (Hrsg.), Informatik 2016. Bonn: Gesellschaft für Informatik e.V.. (S. 635-648). https://dl.gi.de/bitstream/handle/20.500.12116/1169/635.pdf?sequence=1&isAllowed=y
[8] “Der Europäische Emissionshandel und seine Umsetzung in Deutschland“, https://www.dehst.de/DE/Emissionshandel-verstehen/Umsetzung-Ausgestaltung/umsetzung-ausgestaltung-node.html, Berlin: Die Deutsche Emissionshandelsstelle

 

Weitere Informationen:
 

 

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