So stark könnte die Industrie das deutsche Stromnetz entlasten

Indem Unternehmen ihre Stromnachfrage flexibel an das Stromangebot im Netz anpassen, könnten diese maßgeblich zur Stabilisierung des Stromnetzes beitragen. Jetzt hat das Kopernikus-Projekt SynErgie analysiert, in welchem Ausmaß die Industrie das Stromnetz entlasten könnte. Zudem zeigt ein internationaler Vergleich: Flexibilisierungslösungen aus Deutschland könnten zum internationalen Exportschlager werden.

Mit steigendem Anteil erneuerbarer Energien nehmen auch die Schwankungen im Stromnetz deutlich zu. Das bedroht die Strom-Versorgungssicherheit – so muss die Stromnachfrage im Netz stets genauso hoch sein wie das Stromangebot.

Ausgerechnet die Industrie kann zur Netzstabilität beitragen, indem sie ihre Stromnachfrage flexibel an das Stromangebot im Netz anpasst. Jetzt hat das Kopernikus-Projekt SynErgie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung berechnet, in welchem Ausmaß die Industrie zur Netzstabilität beitragen kann:

  • Wenn im Netz mehr Strom zur Verfügung steht, als eigentlich gebraucht wird, könnte die deutsche Industrie ihre Nachfrage für eine Minute um 3,6 Gigawatt (GW) erhöhen. Das entspricht der Leistung von rund 1030 Windrädern an Land (Onshore). Muss die Industrie über längere Zeit aushelfen, kann sie ihre Nachfrage für mindestens 15 Minuten um immerhin rund 1,5 GW erhöhen (Leistung von 430 Onshore-Windrädern).
  • Wenn im Netz weniger Strom zur Verfügung steht, als gerade gebraucht wird, könnte die Industrie ihre Nachfrage für eine Minute um rund 5 GW senken (Leistung von 1430 Onshore-Windrädern) – und für mindestens 15 Minuten um rund 3,3 GW (Leistung von 940 Onshore Windrädern).



„Unsere Analysen zeigen: Das Potenzial der deutschen Industrie ist enorm“, sagt Alexander Sauer von der Universität Stuttgart, Sprecher des Kopernikus-Projekts SynErgie. „Wenn wir energieflexible Technologien in die Anwendung bringen, profitieren am Ende alle: Die Netzbetreiber, die Stromverbraucher und die Unternehmen, die ihre Flexibilität am Markt anbieten.“

Bei der Berechnung des Flexibilitätspotenzials hat SynErgie insgesamt 23 flexibilisierbare Industrieprozesse berücksichtigt und auf Deutschland hochgerechnet. Durch neue Flexibilisierungstechnologien – beispielsweise für die Extraktion von Carbonsäuren (https://www.kopernikus-projekte.de/aktuelles/news/synergie_flexibilisierung_biotechnologie) – konnten vorherige Berechnungen deutlich nach oben korrigiert werden.

Erstmalig hat SynErgie auch das Flexibilitätspotenzial anderer Staaten berechnet. Dabei hat das Projekt sowohl Staaten berücksichtigt, die Deutschlands Stromsystem maßgeblich mit-beeinflussen als auch Staaten mit hohem eigenen Strombedarf.



Im Gegensatz zur nationalen Analyse für Deutschland wurden bei der Berechnung der internationalen Flexibilitätspotenziale ausschließlich die Chlor-, Aluminium-, Zement-, Glas-, Elektrostahl- und die Holzstoffherstellung berücksichtigt und nur die Prozesse, die für mindestens 15 Minuten abgerufen werden können (damit wird Lastverzicht bei der Sekundärstahlherstellung nicht berücksichtigt, da dieser für nur etwa 5 Minuten abgerufen werden kann). Demzufolge ergibt sich bei der internationalen Betrachtung im Vergleich zur vorhergehenden Analyse ein abweichendes Flexibilitätspotenzial für Deutschland. „Das sind Industrieprozesse, für die Partner aus unserem SynErgie-Projekt bereits Flexibilisierungs-Lösungen entwickelt haben oder entwickeln. Unsere Analysen zeigen daher: Deutsche Flexibilitätstechnologien haben das Potenzial zu internationalen Exportschlagern zu werden“, so Serafin von Roon von der Forschungsgesellschaft für Energiewirtschaft mbH, verantwortlich für die Potenzialanalyse in SynErgie. „Bereits letztes Jahr hat der Gaskonzern Linde eine energieflexible Luftzerlegungsanlage in Dänemark in Betrieb genommen. Das ist unserer Einschätzung nach erst der Anfang einer umfassenden Entwicklung.“

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